ASIA - Indigo (2026)
(10.574) Olaf (8,5/10) Progressive Rock
Label: Frontiers Music s.r.l.
VÖ: 06.11.2026
Stil: Prog Rock
Wer von uns hat auf irgendeiner Party bei Heat Of The Moment mitgewippt, spätestens beim zweiten Refrain mitgesungen und für vier Minuten vergessen, dass er eigentlich für die härtere Abteilung zuständig ist? Eben. Ich jedenfalls habe noch nie erlebt, dass einem deswegen am Ausgang die Kutte abgenommen wurde. Und so freue ich mich ziemlich ungeniert darüber, dass ASIA mit Indigo wieder ein Studioalbum vorlegen. Zwölf Jahre sind seit Gravitas vergangen. In der Zeit hätte man den alten Hit noch ein paar hundert Mal spielen können. Zum Glück hatte Geoff Downes andere Pläne.
Als sich ASIA 1981 in England zusammentaten, las sich die Besetzung wie die Rückseite einer ziemlich gut sortierten Prog-Plattensammlung. Steve Howe und Geoff Downes kamen von YES, wobei Letzterer mit THE BUGGLES längst bewiesen hatte, dass ihm auch ein Popsong hervorragend von der Hand ging. Carl Palmer brachte die Erfahrung von EMERSON, LAKE & PALMER mit, John Wetton die von KING CRIMSON und UK. Ausgerechnet diese vier Herren lieferten 1982 mit Asia ein Debüt, bei dem der kürzeste Weg zum Refrain oft der beste war. Man kann sich leicht vorstellen, wie daraus eine Platte für Leute geworden wäre, die beim Frühstück schon Taktwechsel zählen. Stattdessen konnte man sich mit Only Time Will Tell und Heat Of The Moment auch ohne Frühstück den ganzen Tag beschäftigen.
Die Vorgeschichte von Indigo reicht bis 2015 zurück, als Downes und Wetton nach Gravitas wieder anfingen, gemeinsam Ideen zu sammeln. Wettons Erkrankung unterbrach die Arbeit, sein Tod 2017 ließ einiges davon liegen. Bewegung kam 2023 bei einem Gedenkkonzert in East Sussex in die Sache. Downes hatte zuvor Coveraufnahmen von Harry Whitley gehört und holte ihn für den Abend ans Mikrofon. Heute singt Whitley bei ASIA, spielt Bass und schreibt mit Downes. Das ist für diese Platte mindestens so wichtig wie die verblüffende Nähe zu Wettons Stimmfarbe. Wer hören will, was die beiden als Autoren miteinander anfangen können, bekommt gleich mit The Traveller (Into The Light) eine Antwort.
Der Opener zieht ordentlich an. Virgil Donati gibt dem Stück mit seinen beweglichen Fills Schub, John Mitchell setzt mit der Gitarre dagegen, und Downes spannt die Keyboardakkorde so weit auf, dass Whitley seinen Refrain bequem darüber hinwegschicken kann. Genau da haben ASIA mich. Ich liebe THRESHOLD für die Verbindung von Gewicht und Melodie, DREAM THEATER für die Lust am Ausbruch und etliche AOR-Platten ganz schlicht dafür, dass ich ihre Refrains morgens um sieben schon mitsingen kann. Auf Indigo kommt das zusammen, mit dem Gewicht klar auf der Melodie. Bei ASIA darf der Kopf mitzählen, während der Rest schon mitsingt.
Für mich steckt die beste Idee der Platte in den knapp elf Minuten von Tattoo Indigo. Am Stück gehört ergibt der Dreiteiler am meisten Sinn. Erst bekommt die Band einen instrumentalen Anlauf, dann nimmt der kurze, akustisch ansetzende Mittelteil das Tempo aus der Sache, bevor der dritte Abschnitt die Melodie groß herausbringt. Die hat mich erwischt. So ein Ding summt man Stunden später beim Einkaufen und merkt erst an der Kasse, womit man die Leute hinter sich seit dem Kühlregal unterhält. Wetton hat an den beiden gesungenen Teilen mitgeschrieben. Im instrumentalen Auftakt steckt dagegen die Handschrift von Downes und Whitley. Da hört man ziemlich gut, was die beiden mit den liegen gebliebenen Ideen anfangen konnten. Ganz am Ende gibt es den dritten Teil noch einmal mit Mike Portnoy am Schlagzeug. Als Zugabe für uns DREAM THEATER-Leute nehme ich das natürlich gern mit.
Ähnlich reizvoll finde ich es, Steve Howe auf Chesapeake Bay wieder im Umfeld von ASIA zu hören. Ausgerechnet der Mann, dessen Gitarrenspiel die ersten beiden Alben so wesentlich geprägt hat, kommt hier mit der Akustischen vorbei und bekommt in einem knapp dreiminütigen Stück genug Platz, um mit wenigen Tönen etwas auszurichten. Auch daran hatte Wetton noch mitgeschrieben. Einen anderen Gruß in die Vergangenheit schickt Arcadia. Der Name war einst für das dritte Album im Gespräch, das schließlich Astra hieß. Vier Jahrzehnte später hat Downes daraus mit Whitley einen Song über die Sehnsucht nach einem ruhigeren Ort gemacht. Eine hübsche Fußnote, zumal der Refrain auch ganz ohne Kenntnis der damaligen Namensfindung funktioniert.
Mit der Bonusfassung kommt Indigo auf gut 65 Minuten. Die große Geste, die dem Opener und dem Dreiteiler so gut steht, nutzt sich über diese Strecke ein wenig ab. Bei Echo Of You etwa mag ich, wie freundlich die Musik über einer wehmütigen Erinnerung aufgeht. Den Refrain hätte ich allerdings auch mit einer Ehrenrunde weniger behalten. Umso lieber ist mir die Zurückhaltung von Chesapeake Bay. Mitchell, der neben der Gitarre auch Mix und Mastering übernommen hat, lässt den leisen Passagen Raum und hält beim Auftakt die vielen Schichten so auseinander, dass Donatis Arbeit unter den Keyboards hörbar bleibt. Bei diesem Personal hätte man aus jedem Übergang eine kleine Leistungsschau machen können. Die Disziplin gehört für mich zu den Stärken der Platte.
Am Ende ist mir Indigo vor allem deshalb lieb, weil Whitley und seine Mitstreiter dieser alten Band wieder ein paar neue Lieder mitgeben, auf die ich mich im Liveprogramm tatsächlich freuen würde. Beim nächsten Fest darf der DJ nach dem Pflichttermin von 1982 also gern noch ein Stück aus diesem Jahr auflegen. Wenn er dafür meinen Musikwunsch von BOLT THROWER um elf Minuten verschiebt, werde ich mich ausnahmsweise benehmen.
ANSPIELTIPPS:
🔥Tattoo Indigo (Parts 1–4)
🎸The Traveller (Into The Light)
🌊Chesapeake Bay
Bewertung: 8,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. The Traveler (Into the Light)
02. Change of Heart
03. Arcadia
04. Is this the Life
05. Tattoo Indigo (Part 1)
06. Tattoo Indigo (Part 2)
07. Tattoo Indigo (Part 3)
08. Life in the Sun
09. Hymn for the Fallen
10. Night and Day
11. Valencia (The Ghost Ship)
12. An Elegy
13. Chesapeake Bay
14. On a Winters Night
15. Echo of you
16. Tattoo Indigo (Part 4)

