NECK CEMETERY – The Curse of Neck Cemetery (2026)
(10.563) Olaf (9,5/10) Heavy Metal
Label: Lucky Bob Records
VÖ: 06.11.2026
Stil: Heavy Metal
Bei diesem Cover fehlt mir eigentlich nur das Klacken der Play-Taste am alten Kassettenrekorder. Axel Hermanns Artwork zu The Curse of Neck Cemetery weckt sofort Erinnerungen an jene EUROPA-Gruselhörspiele, bei denen man als vermeintlich unerschrockener Bengel doch lieber die Kinderzimmertür einen Spalt offen ließ. Großartig! Dass hinter dieser Verpackung ebenso viel Liebe zum gepflegten Schauer steckt wie zum klassischen Heavy Metal, macht die Sache für mich ausgesprochen verlockend. Nur vorsichtshalber: Weihwasser bitte mit etwas Abstand zur Stereoanlage aufbewahren.
Die 2018 gegründeten NECK CEMETERY aus Nordrhein-Westfalen haben mit Born in a Coffin (2020) und Bring Us the Head (2023) bereits zwei deutliche Duftmarken zwischen Kutte, Kerzenwachs und knackigen Gitarren hinterlassen. Auftritte in Wacken, beim Rock Hard Festival und vor allem beim ZOFF 2024 sowie Touren mit VISIGOTH, KRYPTOS und HYENA haben ihren Namen zusätzlich unter die Leute gebracht. Nun erscheint am 6. November das dritte Album. Das Timing passt bestens: Kaum haben CIRITH UNGOL mit All the Shadows neues Futter für Freunde eigenwilligen Heavy Metals auf den Tisch gelegt, kommen die nächsten Charakterköpfe um die Ecke...und das nicht zum ersten Mal. Meine Nachbarn werden diesen Herbst noch verfluchen.
Dabei ist gerade die Stimme von Jens Peters weiterhin ein entscheidender Grund, weshalb ich bei dieser Truppe so gerne hängen bleibe. Außergewöhnlich, anders, passend – diese drei Begriffe treffen es ziemlich genau. Seine eigenwillige Tonfarbe gibt den Songs ein Gesicht und der düsteren Szenerie ihren Bewohner. Man erkennt ihn wieder, und das ist in einem Genre, in dem die Ahnenverehrung gelegentlich bis zur vollständigen Selbstaufgabe betrieben wird, einiges wert. Die Verbindung zu CIRITH UNGOL liegt für mich deshalb vor allem im Mut zur eigenen Gesangspersönlichkeit. Wer bei Heavy Metal auch Ecken und eine gewisse Verschrobenheit schätzt, dürfte hier ein ausgesprochen breites Grinsen bekommen.
Das instrumentale Fundament steht dazu erfreulich fest. Boris Dräger und Jörn Reese liefern Riffs, bei denen mein Nacken die Zustimmung schneller erteilt als mein Kopf einen vernünftigen Satz formulieren kann. Eingängigkeit, melodisches Gespür und die nötige Portion Schwere halten sich die Waage; auch dort, wo die Musik größer und ausladender wird, bleibt der Song im Mittelpunkt. Produzent Martin Buchwalter, mit dem die Band erneut in den Troisdorfer Gernhart Studios gearbeitet hat, gibt dem Ganzen ordentlich Schub. Der Sound hat Kraft und lässt den Gitarren ihren Biss. So macht Traditionspflege Spaß: Die musikalischen Vorlieben dürfen aus den Achtzigern stammen, die Produktion darf trotzdem etwas auf dem Kasten haben.
Zehn Einträge auf der Rückseite bedeuten übrigens acht eigentliche Songs: The Curse eröffnet als Intro, Voices from the Other Side beschließt als Outro den Rundgang. Schon die eröffnende Beschwörung mit ihrem „Cursed be thee“ steckt das Gelände ab. Besonders schön finde ich den Gedanken hinter dem Abschluss: Dort tauchen Textzeilen aus den vorherigen Stücken in umgekehrter Reihenfolge wieder auf, bis alles erneut beim Fluch landet. Die Worte führen uns also rückwärts durch das Album. Ein stimmiger Rahmen für die unterschiedlichen Geschichten, der auch erklärt, weshalb ich die Scheibe immer wieder gerne ganz von vorne höre. Wer erst mittendrin einsteigt, verpasst schließlich die ordnungsgemäße Verfluchung.
Auch inhaltlich lohnt sich der Blick hinter die Friedhofsmauer. Midnight beschäftigt sich mit der nuklearen Bedrohung und der Weltuntergangsuhr. Zwischen historischen Wegmarken und der Sorge um die Gegenwart bekommt das schlichte „Time is running out“ einen ziemlich unangenehmen Nachhall. Da steht der Schrecken plötzlich sehr real vor der Haustür. Blood and Snow setzt dem Bilder von Krieg, zerstörten Hoffnungen und gemeinsamer Gegenwehr entgegen. Entscheidend ist dabei die Entwicklung des Textes: Wo zunächst Träume unter Blut und Schnee begraben liegen, wird später ausdrücklich an der Hoffnung festgehalten. Diese Verbindung aus düsterem Bild und unbeugsamem Zusammenhalt gibt der Nummer auch jenseits ihrer metallischen Wirkung Gewicht.
Für die phantastische Seite des Albums stehen wiederum Geschichten wie Colossus, dessen sechzehn gefallene Riesen und die verhängnisvolle Rettung einer Toten für mich deutlich auf Shadow of the Colossus verweisen. Bei Beyond Infinity lassen die verfluchte Raumfahrt und die lateinische Bitte um Rettung aus der Hölle an Event Horizon denken. Solche Querverbindungen passen wunderbar zu einer Band, deren Gruselkabinett offenbar auch Platz für eine Spielkonsole und ein ordentlich bestücktes Filmregal bietet.
Mit The Devil’s Bride bekommt dieses Kabinett schließlich prominenten Besuch: Stacey Savage von SAVAGE MASTER singt im Duett mit Jens Peters. Die beiden markanten Stimmen passen bestens zu Kerzenschein, Besessenheit und dem im Text beschworenen Pakt mit finsteren Mächten. Gerade bei einer Band, deren Sänger bereits so viel Eigenart mitbringt, ist ein solcher Gastbeitrag reizvoll. Hier erweitert er die Atmosphäre und gehört für mich zu den klaren Anspieltipps.
Bleibt die Frage, was denn nun der Fluch des Nackenfriedhofs ist. Nach mehreren gedanklichen Exorzismen komme ich zu folgender Diagnose: Der Fluch dieses Albums besteht darin, dass meine Stopptaste offenbar ihre Zuständigkeit verloren hat. The Curse of Neck Cemetery ist ein Rundum-sorglos-Paket für Heavy-Metal-Fans, das mit starken Riffs, eigenständigem Gesang, einer kräftigen Produktion und einer herrlich passenden Verpackung überzeugt. Wer seine Aufmerksamkeit überwiegend den großen Namen schenkt, sollte hier dringend einmal eine kleinere Band ausprobieren. Ich hätte ausgesprochen gerne noch mehr von dieser Sorte. Bitte weiter so, meine Herren – die Rechnung für die Nackenmassage reiche ich gegebenenfalls nach.
ANSPIELTIPPS:
☢️Midnight
⚔️Blood and Snow
🔥The Devil’s Bride
Bewertung: 9,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. The Curse
02. The House
03. Trollslayers
04. Colossus
05. Midnight
06. Blood and Snow
07. The Lost and the Damned
08. Beyond Infinity
09. The Devil’s Bride
10. Voices from the other Side

