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SNĚŤ - V bažinách vědomí (2026)
(10.445) Olaf (8,0/10) Death Metal
Label: Me Saco un Ojo
VÖ: 11.09.2026
Stil: Death Metal
Als SNĚŤ 2019 erstmals aus den Prager Katakomben krochen, klang das bereits so, als hätte jemand eine Leiche zu lange im Proberaum liegen lassen. Das kurze Promo mit Intoxikace und Obří kat war der erste üble Geruch, 2021 folgte mit Mokvání v okovech – sinngemäß „Eitern in Fesseln“ – ein Debüt, das dem tschechischen Quintett verdientermaßen einen festen Platz im internationalen Death-Metal-Untergrund einbrachte. Danach hielten zwei Split-Veröffentlichungen mit GRAVE INFESTATION und SEQUESTRUM den Verwesungsprozess am Laufen. Fünf Jahre nach dem ersten Langspieler stapfen Krutörr, Hnisatel, Hrdlořez, Ransolič und Řád Zdechlin nun erneut aus dem Sumpf. Der heißt diesmal V bažinách vědomí, also „In den Sümpfen des Bewusstseins“, und verspricht schon im Titel keinen entspannten Spaziergang bei Sonnenschein.
Tatsächlich benötigen SNĚŤ nur wenige Augenblicke, um die Tür zum Moor aufzutreten. Unheilvolle Geräusche, finstere Atmosphäre und dann diese Gitarren: aufgequollen, modrig und derart tief gestimmt, als hätte man die Saiten über Nacht in einem offenen Grab gelagert. Tíha světů – „Die Last der Welten“ – eröffnet das Album als schwerfälliger Koloss, der zwischen schleppender Bedrohlichkeit und plötzlich hervorbrechender Raserei pendelt. Schon hier wird deutlich, dass SNĚŤ weiterhin keinerlei Interesse an klinischer Präzision oder poliertem Studioglanz haben. Diese Musik soll stinken, drücken und im Idealfall Flecken hinterlassen, die auch mit Kochwäsche nicht mehr verschwinden.
Die herrlich miefige Produktion erinnert an alte AUTOPSY, DEMIGOD und ABHORRENCE, ohne dass SNĚŤ ihre eigene Identität im Morast verlieren. Aufgenommen wurde das Material 2025 und 2026 von Amák Golden im Golden Hive Studio, während Greg Wilkinson im Earhammer Studio für Mix und Mastering verantwortlich war. Das Ergebnis besitzt ordentlich Masse, bleibt aber warm, organisch und ausreichend räudig. Bass und Gitarren bilden eine zähe, gärende Brühe, das Schlagzeug rumpelt mit Nachdruck durch die Landschaft und Řád Zdechlins Stimme klingt, als würde ein Gully versuchen, einen Menschen zu verdauen. Genau so muss das sein.
Kladivo ve tmě, zu Deutsch „Hammer in der Dunkelheit“, trägt seinen Namen völlig zu Recht. Der Song schlägt keine filigranen Haken, sondern trifft mit einem widerwärtigen Groove immer wieder dieselbe Stelle, bis dort nichts mehr zu reparieren ist. Überhaupt beherrschen SNĚŤ das Wechselspiel zwischen schleppender Schwere, plötzlich losbrechenden Attacken und kurzen, erstaunlich eingängigen Riffpassagen hervorragend. Das Quintett bleibt fest im Death Metal der frühen Neunziger verwurzelt, arbeitet inzwischen aber gezielter mit Tempowechseln und kleinen melodischen Widerhaken. Selbst im größten Durcheinander steckt meist ein Riff, das sich hartnäckig im Schädel verkeilt.
Mit Ve stínu slunce – „Im Schatten der Sonne“ – und dem großartig betitelten Apokalyptický smaragd budoucí doby, dem „Apokalyptischen Smaragd einer zukünftigen Zeit“, wird die Platte zunehmend unheimlicher. Hier geht es nicht ausschließlich um stumpfe Gewalt. Zwischen den schweren Gitarrenwänden öffnen sich immer wieder düstere Räume, in denen die Musik beinahe psychedelisch wirkt, bevor der nächste rostige Fleischwolf angeworfen wird. Das passt hervorragend zum Albumtitel: Diese Sümpfe bestehen nicht nur aus Schlamm und Leichenteilen, sondern ebenso aus Fieberträumen, Wahrnehmungsstörungen und Gedanken, die man besser nicht bis zum Ende denkt.
Besonders garstig gerät Moskyt. Hinter dem tschechischen Titel verbirgt sich schlicht eine Mücke, doch diese hier summt nicht lästig am Ohr, sondern scheint direkt in den Gehörgang kriechen und dort Eier ablegen zu wollen. Das Stück ist kompakt, giftig und besitzt genau jene Mischung aus Groove und kontrolliertem Chaos, mit der SNĚŤ am stärksten sind. Wer es mehrfach hintereinander hört, sollte allerdings die Packungsbeilage beachten: Kann auf Dauer zu irreparablen Schäden führen.
Im hinteren Teil macht sich allerdings bemerkbar, weshalb V bažinách vědomí für mich nicht ganz an den Vorgänger heranreicht. Mokvání v okovech war mit seiner kürzeren Spielzeit unmittelbarer, unberechenbarer und insgesamt etwas spannender. Dort wirkte jeder Ausbruch wie ein frisch geöffneter Abwasserkanal. Das neue Album ist reifer und handwerklich ausgearbeiteter, verliert dadurch stellenweise aber etwas von jener primitiven Boshaftigkeit, die das Debüt so besonders machte. Stücke wie Jako každý („Wie jeder andere“) oder Dřevěný kůl („Hölzerner Pfahl“) treten ordentlich nach, hinterlassen jedoch nicht dieselben tiefen Bissspuren wie die stärksten Nummern.
Das ausladende Nekončící koloběh snění a probouzení – „Der endlose Kreislauf von Träumen und Erwachen“ – bringt den gedanklichen Kern der Platte bereits im Titel auf den Punkt. Traum und Wirklichkeit, Schlaf und Erwachen, Leben und Verwesung laufen hier im Kreis, während die Instrumente einen entsprechend benommen machenden Mahlstrom erzeugen. Zum Abschluss zieht Znetvořená panna, die „Entstellte Jungfrau“, noch einmal sämtliche Register: schleppende Hässlichkeit, wuchtige Ausbrüche, tief gurgelnder Gesang und eine Atmosphäre, bei der selbst der Keller Angst vor dem Keller bekommt.
V bažinách vědomí ist somit ein starkes zweites Album, das SNĚŤ hörbar weiterentwickelt, ohne den Modergeruch gegen Raumduft einzutauschen. Die Prager liefern knappe 38 Minuten urwüchsigen Old-School Death Metal mit mächtigen Grooves, widerlichen Gitarren und genug Atmosphäre, um eine mittelgroße Moorlandschaft dauerhaft unbewohnbar zu machen. Der Vorgänger war für mich etwas zwingender und besaß den größeren Überraschungseffekt, doch auch diesmal geht es ausgesprochen gut ab. Keine Neuerfindung des verwesten Rades, aber ein verdammt kräftiger Tritt in die faulige Speiche.
ANSPIELTIPS:
🔥Kladivo ve tmě
🦟Moskyt
💀Znetvořená panna

