Die Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (10/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

live on stage reports

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

CD-Reviews E-G

EPIDEMIC SCORN – Demolished Globe (2026)

(10.581) Olaf (10/10) Death Metal


Label: DIY
VÖ: 13.11.2026
Stil: Death Metal






Ich habe bei Demolished Globe lange nach einem Haar in der Suppe gesucht. Nach einer Passage, die sich verzettelt, einem Song, der bloß die Spielzeit streckt, irgendeinem vernünftigen Grund, meine Begeisterung wieder auf ein gesellschaftlich verträgliches Maß herunterzuregulieren. Erfolglos. Irgendwann muss man sich als Rezensent auch eingestehen, dass die Suche nach einem Einwand albern wird, wenn einem eine Band gerade ziemlich vollständig vorführt, weshalb man diese Musik überhaupt liebt. EPIDEMIC SCORN haben hier für mich eines der besten Extrem-Metal-Alben dieses Jahres abgeliefert. Und bevor jemand gedanklich schon den Zusatz „aus Deutschland“ dahinterklemmt: Die Aussage gilt ausdrücklich international. Annaberg-Buchholz darf sich auf der musikalischen Weltkarte gern etwas breiter machen.

Seit 2004 sind die Sachsen unterwegs, haben sich durch mehr als zwei Jahrzehnte Bandalltag gearbeitet und ihre Musik längst auch auf Bühnen in Frankreich, Malta und Tschechien getragen. Wer bei einer Veröffentlichung in Eigenregie reflexartig an eine ambitionierte Nachwuchskapelle denkt, liegt hier also gründlich daneben. Hinter EPIDEMIC SCORN stecken Erfahrung, Beharrlichkeit und eine Entwicklung, die sich über Platten wie Rebirth und Destrumanity verfolgen lässt. Auf dem neuen Album wirkt diese Erfahrung allerdings besonders konzentriert. Die fünf Herren wissen, was ihre Musik aushält, was sie braucht und vor allem, wann sie einen Gedanken ausspielen müssen. Demolished Globe klingt nach einer Band, die sich ihrer eigenen Möglichkeiten ausgesprochen sicher geworden ist.

Natürlich werden einige Puristen jetzt mächtig mit der Nase rümpfen: EPIDEMIC SCORN haben die Geschwindigkeit deutlich gedrosselt. Wer seine Begeisterung für Death Metal ausschließlich am Ausschlag des Drehzahlmessers festmacht, darf vorsorglich schon einmal die Beschwerdevorlage öffnen. Ich höre darin einen gewaltigen Gewinn. Wo andere Bands beim Herunterschalten plötzlich schwerfällig werden oder fehlende Ideen durch möglichst lange ausgewalzte Riffs kaschieren, treffen die Sachsen voll ins Schwarze. Die Musik bekommt mehr Gewicht, die Einsätze mehr Wirkung, die Melodien mehr Raum. Brutaler haben die Jungs aus Annaberg-Buchholz für mich nie geklungen. Da kann der Geschwindigkeitsbeauftragte noch so beleidigt auf seine Stoppuhr zeigen.

Gerade die kompositorische Konsequenz begeistert mich. Ein schweres Riff allein macht schließlich noch keinen großen Song; davon liegen in Proberäumen vermutlich genug herum, um sämtliche Schlaglöcher zwischen Berlin und dem Erzgebirge zu verfüllen. Entscheidend ist, was eine Band daraus entwickelt. EPIDEMIC SCORN schaffen Spannungsverhältnisse, lassen melodische Gedanken wirken und halten den Druck auch dann aufrecht, wenn sie dem Material mehr Luft geben. Die gedrosselte Gangart schärft den Blick für die Architektur der Stücke. Man spürt die Last, die auf dieser Musik liegt, und bekommt gleichzeitig genügend Konturen, um sich darin zurechtzufinden. Das ist ausgesprochen wirkungsvoll komponiert.

Dass Jörn, Micha und Flo gleich zu dritt die Gitarren bedienen, liefert dafür eine interessante Grundlage. Drei Gitarristen sind zunächst einmal drei Leute, die sich darüber verständigen müssen, wer gerade welchen Platz beansprucht. Hier ergibt die Saitenmannschaft musikalisch Sinn: Wucht und melodische Linien können nebeneinander bestehen, ohne dass die Stücke unter ihrer eigenen Masse zusammenbrechen. Die Melodien bleiben auch im dichtesten Umfeld erkennbar und tragen entscheidend zur düsteren Atmosphäre bei. Sie werden nicht wie ein obligatorisches Schmuckstück über die Härte gehängt. Sie stecken mitten in ihr. Genau daraus bezieht Demolished Globe einen beträchtlichen Teil seiner Eigenständigkeit.

Philipp hält diese Konstruktion mit dem nötigen Nachdruck zusammen, während Osher am Mikrofon die passende menschliche Verwüstung beisteuert. Seine Stimme gibt der Musik Bedrohlichkeit und den Texten jene Schwere, die sie brauchen. Bei solchen Inhalten wäre bloße Kraftmeierei schnell ermüdend. Hier passt die vokale Gewalt zur emotionalen Lage der Platte: Wut, Verzweiflung und Abscheu haben ein glaubwürdiges Zuhause. Auch rhythmisch zahlt sich die Entscheidung aus, den Songs mehr Gewicht zu geben. Die Schlagzeugarbeit muss keine permanente Höchstgeschwindigkeit demonstrieren, um die Sache voranzutreiben. Sie sitzt im Gefüge und sorgt dafür, dass aus der Schwere Bewegung entsteht. Mein Nacken findet das alles ausgesprochen überzeugend.

Der Sound unterstützt diese Wirkung hervorragend. Oberfett ist dafür zunächst einmal eine völlig angemessene Beschreibung, auch wenn der Begriff im Metal inzwischen auf ungefähr jeder zweiten Werbeanzeige steht. Hier bekommt er wieder Substanz. Die Aufnahme vermittelt Masse, lässt aber die melodischen Zusammenhänge bestehen; gerade bei diesem Material wäre ein undifferenzierter Klangklumpen fatal gewesen. Aufgenommen wurde in Eigenregie, die Instrumente im Gallows Hill Studio, der Gesang im Vogrowl Chamber Studio. Für Mix und Master zeichnet Yves Merten verantwortlich. Das Ergebnis besitzt die Größe, die diese Songs verlangen. Und noch einmal: Das Ganze wurde von der Band selbst gestemmt. Wie zum Fick geht sowas?

Überhaupt wirkt Demolished Globe erstaunlich ernst. So, als seien EPIDEMIC SCORN noch einmal auf eine andere Weise erwachsen geworden. Damit meine ich die Entschlossenheit, mit der sie ihre Themen musikalisch und textlich verfolgen. Die Scheibe lässt Trauer zu, ohne ihre Durchschlagskraft einzubüßen. Sie kann bedrücken, berühren und trotzdem mit einer Selbstverständlichkeit zuschlagen, die einem die Luft aus dem Oberkörper drückt. Und ja, die Scheibe hat Melancholie, Melodie und ist trotzdem härter als jeder Schwanz am morgen. Die Verbindung dieser Eigenschaften ist schließlich das Kunststück, an dem zahlreiche Kollegen scheitern.

Inhaltlich reicht der Blick vom Rückzugsraum im eigenen Kopf bis zum Zustand eines Planeten, dessen Bewohner an ihrer Abschaffung mit bemerkenswerter Ausdauer arbeiten. Die neun Stücke kreisen um Gewalt, Krieg, Lügen, Ausbeutung und seelischen Verfall. Besonders überzeugend finde ich dabei die Wechselwirkung zwischen dem Privaten und dem Gesellschaftlichen. Die kaputte Welt bleibt draußen nicht brav vor der Haustür stehen. Sie setzt sich im Denken fest, verändert den Umgang miteinander und frisst sich durch das Selbstbild. Umgekehrt entstehen zerstörerische Verhältnisse aus menschlichen Entscheidungen, Ängsten und Machtansprüchen. Das Album hält diese Ebenen zusammen, ohne für jeden Zusammenhang erst ein philosophisches Seminar eröffnen zu müssen.

Mit Emptiness haben die Sachsen außerdem für mich einen der Songs des Jahres im Gepäck. Das Stück trifft einen empfindlichen Punkt dieser Platte: die Verbindung von äußerer Wucht und innerer Hilflosigkeit. Schon die Worte „I scream for a way out, but there’s no sound“ zeichnen ein beklemmendes Bild. Da ruft jemand um Hilfe und erlebt den eigenen Ruf als wirkungslos. Der Druck auf der Brust, das Gefühl des Eingeschlossenseins, die verdunkelten Gedanken: Der Text bleibt dicht an einer Perspektive, in der selbst der nächste Ausweg unvorstellbar geworden ist. Die Gewalt richtet sich hier bis tief ins eigene Erleben hinein. Das macht die Sache erheblich unangenehmer als jede routiniert ausgeschlachtete Horrorfantasie.

„My thoughts are my nightmare“ bringt diesen Zustand mit erschreckender Einfachheit auf den Punkt. Emptiness braucht dafür keine verkopfte Symbolsammlung. Die sprachliche Unmittelbarkeit ist Teil seiner Wirkung. Für mich bündelt der Song besonders eindringlich, was dieses Album so außergewöhnlich macht: Härte erhält eine emotionale Bedeutung, und die Melancholie bleibt lange nach dem eigentlichen Einschlag bestehen. Genau deshalb steht das Stück auch innerhalb eines derart starken Gesamtwerks noch einmal besonders weit vorn. Das ist einer jener Songs, wegen derer man eine Platte später wieder auflegt und anschließend doch bei ihr hängen bleibt.

Der Rückzug ins eigene Bewusstsein bekommt allerdings schon in The World in My Mind einen beunruhigenden Beigeschmack. Zwischen Blut, Angst und aggressiven Gedanken erscheint der Kopf als Ort vermeintlicher Freiheit. „My gilded cage, my harbor in the storm“ benennt die Ambivalenz dieses Schutzraums ziemlich treffend: Zuflucht und Gefangenschaft fallen zusammen. Im Umfeld von Inner Demons wird daraus ein offener Widerstreit mit den eigenen destruktiven Stimmen. Dort steht dem Gefühl der Wertlosigkeit immerhin ein Wille zum Widerstand gegenüber. Die Platte betrachtet ihre Figuren damit aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie belässt es nicht bei einer einheitlichen Pose der Aussichtslosigkeit, sondern zeigt, wie brüchig Kontrolle werden kann und wie anstrengend es ist, sie zurückzugewinnen.

Auf gesellschaftlicher Ebene funktioniert diese Verschiebung ebenso gut. A Call for Freedom zeigt Krieg aus der Perspektive von Menschen, die durch brennende Häuser, Misstrauen und den Verlust ihrer Kameraden laufen. Zwischen dem großen Wort Freiheit und der Frage „Does anybody even care?“ liegt ein ziemlich hässlicher Abgrund. Der Titelsong erweitert diesen Blick um die brutale Logik von Herrschaft, Konkurrenz und Ressourcenkrieg. Wer gewinnt, bestimmt die Regeln; was dabei von der Welt übrig bleibt, wird offenbar später bilanziert. Man muss dafür keine tagespolitischen Namen einsetzen. Die Mechanismen sind bedrückend vertraut, und die Musik verleiht ihnen die entsprechende körperliche Präsenz.

Besonders gut ergänzen sich in diesem Zusammenhang Power of Lies und Broken Dreams. Manipulation erscheint einmal als systematische Verformung der Wirklichkeit, das andere Mal als ganz konkretes Werkzeug, um Menschen in Abhängigkeit und Ausbeutung zu treiben. Bei Broken Dreams geht es um Menschenhandel, falsche Arbeitsversprechen, entzogene Pässe und die vollständige Verfügung über fremde Leben. Das ist erheblich konkreter als ein pauschales „Die Welt ist böse“. Power of Lies wiederum richtet den Blick auf Desinformation, soziale Medien und die Bereitschaft, das eigene Denken in fremde Hände zu legen. Die thematische Nähe macht deutlich, wie eng die große öffentliche Lüge und das individuelle Schicksal miteinander verbunden sein können.

Zu den berührendsten Gedanken gehören für mich jene über Erinnerung und Vergänglichkeit. Threads of Light lässt sich als Auseinandersetzung mit einem schwindenden Gedächtnis lesen: Gedanken entgleiten, Namen verlieren ihre Vertrautheit, die eigene Zukunft wird zum angstauslösenden Raum. Dass darin auch Würde und der Wunsch weiterbestehen, von anderen erinnert zu werden, gibt dem Text eine besondere Tiefe. Im abschließenden Ashes of Tomorrow wird der Blick wieder weiter. Natur, Lebensfreude und menschliche Verbundenheit geraten unter den Druck einer Gier, die ihre eigenen Lebensgrundlagen verzehrt. Ein Rest Hoffnung hält sich trotzdem. Dieser kleine Widerstand gegen das völlige Erlöschen passt hervorragend zu einer Platte, deren Melodien selbst in der größten Finsternis noch etwas Menschliches bewahren.

Das brillante Panorama-Artwork von Shindy Reehal führt diese Welt sehr anschaulich zusammen. Ruinen, kahle Bäume, menschliche Körper und dämonische Gestalten drängen sich in eine verwüstete Landschaft; der Blick wandert zwischen den Figuren und dem aufgerissenen, glühenden Abgrund umher. Besonders stark finde ich die Weite des Motivs. Die Zerstörung endet nicht hinter der zentralen Szene, sie setzt sich bis zum Horizont fort. Im Digipak wird dieses Bild sinnvoll weitergeführt und bekommt dadurch den Raum, den es verdient. Hier lohnt es sich tatsächlich, die Gestaltung in Ruhe anzusehen. Eine bloße Verpackung für die Musik ist das längst nicht mehr.

Und damit wären wir bei einem Punkt, der mir zunehmend auf die Nerven geht: Labels, wacht auf! Spinnt ihr, diese Band so zu ignorieren? Ich möchte nicht wissen, was der ganze Bumms gekostet hat. Brillantes Artwork, oberfetter Sound, ein sorgfältig aufbereitetes Gesamtpaket und Promomaterial mit allem, was das Reviewerherz sich wünscht. Da reicht jemand Unterlagen ein, mit denen man arbeiten kann, und legt eine Professionalität vor, die sich mancher etablierte Laden gern hinter die Ohren schreiben dürfte. Der entscheidende Grund für meine Begeisterung bleibt aber die Musik. Die Sachsen haben sich selbst übertroffen. Wenn das Underground ist, hat die Chefetage ein verdammt ernstes Problem.

Musikalisch ist das Champions-League-Niveau, vom Kompositorischen sowieso. Was mich dabei endgültig überzeugt, ist die Geschlossenheit des Albums. Die verschiedenen Themen und emotionalen Schattierungen finden in einer gemeinsamen musikalischen Sprache zusammen. So viel Sorgfalt steckt hier im Verhältnis von Härte und Atmosphäre, dass ich absolut nichts dagegen hätte, wenn die Jungs Demolished Globe irgendwann am Stück spielen. Das Material lohnt diese Aufmerksamkeit. Es besitzt genügend Charakter, um über einzelne Favoriten hinauszutragen, und genügend Tiefe, um sich intensiver damit zu beschäftigen. Meine Suche nach Gründen, an der maximalen Begeisterung herumzuschrauben, ist damit beendet. Ich werde einer Band ihre nahezu vollständige Erfüllung meiner musikalischen Wünsche ganz sicher nicht als verdächtig auslegen.

Der Antrag aus dem Erzgebirge auf einen Platz in der internationalen Spitze ist für mich angenommen. Einstimmig, zumindest in meiner Einmannjury. Demolished Globe darf ins Regal, auf große Bühnen und sehr weit nach oben auf die Jahreslisten. Weitere Bewerbungsunterlagen werden nicht benötigt. Ein paar vernünftig besetzte Ohren an den entscheidenden Schreibtischen wären jetzt allerdings hilfreich.

ANSPIELTIPPS:
🔥Emptiness
💀Demolished Globe
🎸Inner Demons
Ach fuck … das Album in Gänze!


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. The World in my Mind
02. A Call for Freedom
03. Demolished Globe
04. Emptiness
05. Inner Demons
06. Power of Lies
07. Threads of Light
08. Broken Dreams
09. Ashes of Tomorrow 



Multimedia

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist