ENDSEEKER – Coffin born (2026)
(10.287) Olaf (10/10) Death Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 19.06.2026
Stil: Death Metal
Als ich ENDSEEKER das erste Mal hörte, war das keine dieser typischen „ja ganz nett“-Bekanntschaften, die man nach zwei Wochen wieder vergisst. Das war Liebe auf den ersten Blick. Diese wuchtige Mischung aus schwedisch angehauchtem HM-2-Death-Metal, tonnenschweren Grooves und dieser unverwechselbaren Hamburger Dreckigkeit traf mich damals direkt zwischen Herzmuskel und Bierbauch. Und aus dieser anfänglichen Begeisterung entwickelte sich über die Jahre längst mehr als nur ein klassisches Musiker/Kritiker-Verhältnis. Umso beschissener fühlt sich nun die Tatsache an, dass sich die Hanseaten nach zwölf Jahren tatsächlich verabschieden. Denn manche Bands begleiten einen eben nicht nur musikalisch, sondern wachsen irgendwann wie gute Freunde in das eigene Leben hinein.
Dass ausgerechnet Coffin Born den Schlusspunkt setzt, passt dabei perfekt ins Bild dieser Band. Keine künstlich aufgeblasene Abschiedsplatte mit orchestralen Taschentuchmomenten, kein „Wir kommen in zwei Jahren sowieso zurück“-Getue, sondern fünf Songs voller Wut, Schweiß, Haltung und diesem unverwechselbaren ENDSEEKER-Groove, der seit Corrosive Revelation immer stärker geworden ist. Schon damals hatte die Band verstanden, dass schwedischer HM-2-Sound alleine heute niemanden mehr hinterm Ofen hervorlockt. Entscheidend war immer diese Mischung aus Dreck, Groove, Galligkeit und einer erstaunlichen Fähigkeit, trotz aller Brutalität Songs zu schreiben, die hängen bleiben wie der Geruch von abgestandenem Bier im Backstage nach drei Tagen Festival.
Spätestens mit Mount Carcass und dem überragenden Global Worming hatten sich ENDSEEKER endgültig an die Spitze der europäischen Death-Metal-Landschaft gespielt. Nicht weil sie alles neu erfunden hätten, sondern weil sie verstanden haben, wie man aus bekannten Zutaten eine eigene Identität formt. Genau diese Stärke explodiert auf Coffin Born noch einmal mit maximaler Wucht.
Schon Enemies Of Peace macht unmissverständlich klar, dass hier niemand leise die Bühne verlässt. Das Ding klingt wie eine Prügelei zwischen Dismember, Discharge und einer eskalierten Hafenarbeiterkneipe auf St. Pauli. Dazu diese unmissverständliche Haltung gegen rechtes Gedankengut und politische Verblödung — und genau dafür muss man diese Band respektieren. Während andere sich hinter „unpolitisch“ verstecken, formulieren ENDSEEKER lieber klar, dass die wirklichen Monster längst nicht mehr in Horrorfilmen wohnen. Die Zeilen über zerfallende Demokratien, wahnsinnige Führungsfiguren und eine Welt kurz vor Mitternacht wirken dabei leider erschreckend real.
Überhaupt ist Coffin Born textlich erstaunlich stark geworden. Zwischen apokalyptischer Gesellschaftskritik, morbiden Bildern und schwarzem Humor balanciert die EP permanent am Rand des kompletten Kollapses. Life Breeds Death mit seiner Henker-Thematik wirkt wie ein rostiger Blick in eine Welt voller Verzweiflung, Schuld und Gewalt, während der Titelsong diese groteske Vorstellung von Geburt aus dem Tod so widerwärtig und gleichzeitig faszinierend formuliert, dass man sich beim Hören fast schmutzig fühlt. Genau so muss Death Metal funktionieren.
Musikalisch schiebt die Band ohnehin alles nieder, was sich in den Weg stellt. Die Gitarren sägen in bester Stockholm-Tradition, verlieren aber nie ihre Eigenständigkeit. Gerade das Songwriting ist mittlerweile absurd stark geworden. Hier wird nicht stumpf von Blastbeat zu Blastbeat geprügelt, sondern mit Dynamik gearbeitet. Immer wieder tauchen diese punkigen Ausbrüche auf, dann wieder schleppende Passagen, die wie tonnenschwere Abrissbirnen wirken. Und über allem thront Lenny. Meine Fresse, was liefert dieser Mann bitte ab? Ich verstehe ja die Beweggründe der Band, irgendwann aufzuhören und als Freunde auseinanderzugehen. Gutheißen muss ich sie ja trotzdem nicht. Denn gesanglich war Lenny vermutlich nie besser als auf dieser EP. Dieses bellende, aggressive Organ transportiert jede Zeile mit einer Intensität, als würde ihm jemand backstage gerade die letzte Biermarke geklaut haben.
Dazu kommt die Produktion, die genau die richtige Balance trifft. Druckvoll, fett und modern genug, ohne diesen widerlichen sterilen Plastikklang vieler aktueller Produktionen. Die Band produziert sich hier größtenteils selbst und wirkt dabei fokussierter denn je. Alles klingt organisch, lebendig und gefährlich. So muss Death Metal im Jahr 2026 klingen.
Und dann passiert plötzlich etwas, das eigentlich komplett absurd ist: ENDSEEKER prügeln zusammen mit LORD OF THE LOST eine Version von True Survivor ein. Ja, genau. David Hasselhoff. Kung Fury. Neonfarben. Muskelberge. Laserstrahlen. Eigentlich müsste das völlig bescheuert wirken. Tut es auch. Aber eben auf die bestmögliche Weise. Dieses Cover ist der musikalische Äquivalent eines brennenden Lamborghinis, der mit Vollgas durch einen Synthwave-Videoclip rast, während im Hintergrund jemand Kettensägen jongliert. Und trotzdem funktioniert es unfassbar gut. Chris Harms bringt genau den zusätzlichen Glamour rein, den der Song braucht, ohne dass der Death-Metal-Kern verloren geht. Zwei Hamburger Bands aus völlig unterschiedlichen Welten vereint in einer der unterhaltsamsten Coverversionen der letzten Jahre. Grandios. Anders kann man das nicht sagen.
Was diese EP aber wirklich so besonders macht, ist die Atmosphäre dahinter. Man hört zu jedem Zeitpunkt, dass hier fünf Freunde ein letztes Mal gemeinsam alles rauslassen. Keine Pflichterfüllung. Kein routinierter Abschied. Sondern ehrliche Leidenschaft. Wenn die Band davon spricht, dass sie als Einheit auf der Bühne funktionieren, glaubt man jedes einzelne Wort. Diese bromanceartige Energie spürt man in jeder Minute dieser EP.
Das Ende ist nah! Doof, aber es ist so…und zum Abschied gibt es noch einmal die Höchstnote, denn was die Hanseaten hier abliefern ist das beste Songmaterial ihrer Karriere. Und entgegen meines Credo, niemals Höchstnoten an EPs zu verteilen, sehe ich hiervon ausnahmsweise einmal ab. Coffin Born ist überragend und beinhaltet zum Ende die besten ENDSEEKER-Songs ihrer Karriere. Gute Freunde kann niemand trennen und auch hier wird es immer so sein.
UNSER LETZTES INTERVIEW
Bewertung: 10 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Enemies of Peace
02. No After, no Before.
03. Coffin born
04. Life breeds Death
05. True Survivor (feat.Lord of the Lost)

