Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (05/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

CD-Reviews K-M

LOCKHART – City Pulse (2026)

(10.294) Olaf (8,0/10) AOR


Label: High Roller Records
VÖ: 12.06.2026
Stil: AOR







Irgendwann zwischen den ersten grauen Haaren, dem dritten Bandscheibenvorfall und der Erkenntnis, dass man inzwischen mehr Geld für orthopädische Einlagen als für Konzerttickets ausgibt, passiert etwas Merkwürdiges: Man beginnt zu glauben, dass bestimmte Gefühle für immer verloren sind. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn aus den Lautsprechern die ersten Töne eines Lieblingsalbums erklingen. Diese Gänsehaut, die sich damals beim Gitarrensolo aus Top Gun über den Rücken zog. Dieses unkontrollierte Mitgrölen bei Ray Parker Juniors Ghostbusters. Dieses Bedürfnis, bei Footloose die Möbel zur Seite zu schieben und sich zum Horst zu machen. Kurz gesagt: das Gefühl, jung zu sein. Also ich…

Und dann kommen drei Kanadier namens LOCKHART daher und treten einem musikalisch so kräftig in den Allerwertesten, dass man sich plötzlich wieder wie fünfzehn fühlt.

Dabei ist die Geschichte der Band eigentlich noch jung. Erst 2022 erschien die Debüt-EP No Chance, nun folgt mit City Pulse das erste vollständige Album. Hinter dem Trio stehen allerdings keine Anfänger. Sänger, Gitarrist und Keyboarder Devon Kerr ist bereits durch Axxion bekannt, Bassist Jason Junop kennt man von Cauldron und Goat Horn, während Fabio Alessandrini seine Stöcke bereits für Bands wie Bonfire, Annihilator, Hardline oder Enforcer geschwungen hat. Hier treffen also Erfahrung, Leidenschaft und eine gemeinsame Liebe für eine musikalische Ära aufeinander, die heute leider viel zu oft entweder peinlich kopiert oder völlig missverstanden wird.

Was mich an City Pulse von der ersten Minute an begeistert, ist die Tatsache, dass LOCKHART die Achtziger nicht als Karnevalskostüm betrachten. Hier trägt niemand künstlich Schulterpolster, niemand stellt einen DeLorean auf das Cover und niemand versucht verzweifelt, alte Erfolgsrezepte nachzukochen. Stattdessen lebt diese Musik. Sie atmet. Sie fühlt sich an wie eine Neonreklame in einer regennassen Großstadt um Mitternacht.

Wer mit Bands wie Journey, Foreigner, REO Speedwagon, Boston oder Toto aufgewachsen ist, wird hier ohnehin schneller abgeholt als ein Schulkind nach dem ersten Schultag. Doch genau darin liegt die Kunst. LOCKHART bedienen zwar sämtliche Tugenden des klassischen AOR und Melodic Rock, klingen dabei aber nie wie eine billige Kopie.

Die Keyboards ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album und sorgen für genau jene Atmosphäre, die man heute fast nur noch aus alten VHS-Erinnerungen kennt. Man hört förmlich die Neonlichter von Miami Vice flackern. Man sieht K.I.T.T. über amerikanische Highways gleiten. Irgendwo fährt Maverick gerade mit seiner Kawasaki durch die Abendsonne, während Kenny Loggins aus dem Autoradio schallt. Ja, das klingt kitschig. Aber verdammt nochmal – genau deshalb funktioniert es.

Denn LOCKHART vergessen nie, dass Melodien wichtiger sind als Coolness. Während sich viele moderne Rockbands lieber in technischer Selbstverliebtheit oder steriler Perfektion verlieren, schreiben diese Kanadier einfach Songs. Große Songs. Refrains, die man bereits nach dem zweiten Durchlauf mitsingen kann. Harmonien, die sich im Gehirn festsetzen wie Kaugummi unter einer Schulbank.

Besonders beeindruckend ist dabei die Liebe zum Detail. Hinter den offensichtlichen AOR-Einflüssen verbergen sich immer wieder kleine Ideen, die deutlich tiefer reichen. Hier und da schimmern klassische Pop-Harmonien durch, dann wieder erinnern die Chöre eher an traditionelle Gesangsarrangements als an typischen Hard Rock. Genau diese Mischung sorgt dafür, dass City Pulse auch nach mehreren Durchläufen spannend bleibt.

Dabei profitiert die Band enorm von Devon Kerr. Sein Gesang besitzt genau die richtige Mischung aus Wärme, Leidenschaft und Eingängigkeit. Er versucht nie krampfhaft, der nächste Steve Perry zu sein, sondern verleiht den Songs eine eigene Identität. Die Gitarrenarbeit bewegt sich ebenfalls auf erfreulich hohem Niveau. Soli werden nicht als Selbstzweck eingesetzt, sondern dienen konsequent den Songs.

Natürlich erfinden LOCKHART das Rad nicht neu. Aber muss wirklich jede Band permanent das Rad neu erfinden? Niemand beschwert sich darüber, dass ein kaltes Bier auch heute noch wie ein kaltes Bier schmeckt. Niemand fordert von einer Pizza plötzlich Brokkoli-Marmelade als Belag, nur weil Innovation angesagt ist. Manchmal reicht es völlig aus, etwas Bekanntes außergewöhnlich gut zu machen. Und genau das gelingt auf City Pulse beeindruckend souverän.

Während viele Retro-Bands irgendwann anfangen, nach Mottenkugeln und Museumsführung zu klingen, wirken LOCKHART frisch, lebendig und voller Energie. Die Platte besitzt diesen seltenen Wohlfühlfaktor, den man kaum erklären kann. Sie macht schlicht gute Laune. Nicht aufdringlich, nicht künstlich fröhlich, sondern ehrlich. Vielleicht liegt es daran, dass die Band selbst hörbar Spaß an dieser Musik hat. Vielleicht liegt es daran, dass hier drei Musiker genau die Platte aufgenommen haben, die sie selbst hören möchten. Oder vielleicht liegt es einfach daran, dass gute Melodien niemals altern.

Nach zahlreichen Durchläufen bleibt für mich vor allem ein Gedanke hängen: Wäre City Pulse 1986 erschienen, hätte die Platte vermutlich in jedem zweiten amerikanischen Cabrio rotiert. Heute erscheint sie vierzig Jahre später und schafft trotzdem etwas, woran viele moderne Produktionen scheitern. Sie berührt. Nicht mit Pathos. Nicht mit künstlicher Dramatik. Sondern mit Herz.

ANSPIELTIPS:
🔥City Pulse
⚡Under Fire
🌆Before The Fall


Bewertung: 8,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. City Pulse
02. Can’t shake it
03. The Dose that made you poison
04. Together as none
05. Under Fire
06. Just can’t wait
07. You wouldn’t know Love
08. Before the Fall
09. No Chance in Heaven



SOCIAL MEDIA

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist