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Live on Stage Report: Z.O.F.F. Vol.4 2026

am 10.10.2026 – Berlin @ Orwohaus Studio 101


PROLOG

Eigentlich wollte ich diesen Bericht nicht schreiben. Wer sein eigenes Festival veranstaltet und anschließend öffentlich darüber schwärmt, bewegt sich schließlich irgendwo zwischen verständlicher Begeisterung und einem Menschen, der sich zum Geburtstag selbst eine Laudatio hält. Eigenlob stinkt, sagt der Volksmund. Allerdings dürfte es an diesem Abend geruchlich ohnehin kaum noch ins Gewicht gefallen sein.

Aber wie zum Henker soll man nach so einem Tag einfach die Klappe halten? Die Bands waren durch die Bank überragend, ihr vor der Bühne in absoluter Ausnahmeverfassung, der Laden ausverkauft – und irgendwann stand ich mittendrin und musste tatsächlich kurz begreifen, dass das alles gerade wirklich passierte. Dieser ganze organisatorische Irrsinn, die Absprachen, die Gedankenkarussells und das zuverlässige „Haben wir eigentlich an alles gedacht?“ hatten sich in einen Abend verwandelt, den ich am liebsten eingetütet und für beschissene Tage auf Vorrat eingefroren hätte. Lediglich der Aufenthaltsort meines geöffneten Bieres entzog sich mit beeindruckender Konsequenz meiner Kenntnis. Ich hatte einen ganzen Laden voller Menschen im Blick, aber meine eigene Flasche offenbar unter denkbar schlechter Führung.

Am Ende des Abends standen knapp 38.000 Schritte auf der Uhr. Wie viele davon der Organisation und wie viele der wiederholten Fahndung nach meinem Bier geschuldet waren, müsste eine unabhängige Kommission klären. Für ein Wanderabzeichen dürfte es jedenfalls gereicht haben. Die Füße hätten vermutlich gerne die Zusammenarbeit aufgekündigt. Weiter oben saß allerdings dieses zufriedene Grinsen in der Fresse, gegen das weder Erschöpfung noch die Aussicht auf den nächsten Morgen etwas ausrichten konnten. Man wird schließlich auch mit über fünfzig noch gelegentlich von seinem eigenen Glück überrumpelt. Zum Glück.

Deshalb gibt es jetzt doch einen Bericht. Ich möchte diesen Tag festhalten, solange die Erinnerungen noch so herrlich durcheinanderpurzeln und die Euphorie den Muskelkater übertönt. Und ich möchte euch daran teilhaben lassen, was ihr da mit uns angerichtet habt. Hier kommt also mein kleines Tagebuch eines ziemlich überlebensgroßen Tages. Legt die Füße hoch, macht euch ein Bier auf – und merkt euch, wo ihr es hinstellt.

So ein Abend beginnt ungefähr ein Jahr, bevor die erste Gitarrenbox das Orwohaus erschüttert. Bands anschreiben, Termine abgleichen, Konditionen besprechen – und erfreulich schnell stand das Billing. Sechs Bands, ein Abend, volle Dröhnung. Eine stattliche Portion gepflegter Unvernunft, die auf dem Papier sogar noch den Eindruck erweckte, organisatorisch beherrschbar zu sein. Ich war zufrieden. Dann fuhr ich zum Party.San.

Dort traf ich 2025 Johannes von SPEARHEAD. Wer mich kennt, weiß um meine ausgesprochen innige Beziehung zu BOLT THROWER. Andere Menschen hören diese Band gerne, bei mir müsste man vor einer medizinischen Untersuchung vermutlich erst klären, ob das rhythmische Geräusch tatsächlich vom Herzen kommt oder irgendwo noch The IVth Crusade läuft. Entsprechend groß war der Wunsch, die niedersächsische Tributtruppe ins eigene Programm zu holen. Ich war allerdings davon ausgegangen, dass mein Budget bei diesem Gedanken nur kurz hysterisch lachen würde. Erfreulicherweise hatte ich mich verrechnet. Wir wurden uns einig, ein Handschlag besiegelte die Sache – und aus sechs Bands waren sieben geworden. So viel zur abgeschlossenen Planung. Bei BOLT THROWER setzt meine Vernunft zuverlässig aus, diesmal sogar zu vertretbaren Konditionen.

Anschließend bekam das Ganze ein Gesicht. Gemeinsam mit meinem guten Freund Randy wurden Banner, Poster und Flyer erstellt, während Timon Kokott unseren Wölfi erschuf. Timon ist mittlerweile ebenfalls ein guter Freund und ein überragender Künstler, dem man offenbar auch dann vertrauen darf, wenn das Ergebnis mit der ursprünglichen Idee nur noch entfernte Verwandtschaft aufweist. Unser Wolf war nämlich zunächst vollkommen anders geplant. Zum Glück können sich Pläne entwickeln – sonst hätten wir jetzt sechs Bands und einen anderen Wölfi.

Parallel dazu lief die weniger glamouröse, dafür lebenswichtige Festivaldisziplin: herausfinden, wer vegan isst und wer Fleisch möchte, das Catering planen, Getränkelisten ausarbeiten und dafür sorgen, dass sieben Bands auch abseits der Bühne vernünftig versorgt werden. Kurz vor dem Termin kam dann dieser beinahe verdächtige Moment: Scheiße, ich hatte tatsächlich an alles gedacht. An Pappteller und Besteck sogar mehrfach. Davon war noch reichlich vorhanden, was mich selbstverständlich nicht daran hinderte, vorsichtshalber Nachschub zu bestellen. Damit dürfte die Versorgung bis zum 20. Z.O.F.F. gesichert sein. Über dessen Billing können wir später reden. Die Besteckfrage ist abschließend geklärt.

8:00 BIS 15:00 UHR

SCHLEPPEN UND AUFBAU

Der Tag begann mit 120 unbelegten Brötchen vom Supermarkt meines Vertrauens. Ausgerechnet bei diesem Einkauf sollte ich an der SB-Kasse kontrolliert werden. Na dann: viel Spaß beim Zählen! Ich hoffte inständig, dass bei Brötchen Nummer 117 niemand dazwischenfragen würde, wie spät es sei. Wir hatten schließlich noch eine Veranstaltung vorzubereiten und konnten schlecht wegen einer amtlichen Backwareninventur die Einlasszeit verschieben.

Anschließend sammelte ich unsere Barcrew ein: meinen Sohn Sören und seinen besten Freund Lukas. Gemeinsam ging es zum Getränkeeinkauf, wo die endgültige Entscheidung über die flüssige Grundversorgung fiel: Büble Helles, Budweiser – das gute tschechische, nicht die amerikanische Plörre – und Zwickel Kellerbier. Wie sich später herausstellen sollte, eine vortreffliche Wahl. Eine vernünftige Bierkarte gehört schließlich zur kulturellen Verantwortung eines Veranstalters.

Im Orwohaus angekommen, durfte ich erfreut feststellen, dass unser Soundmann Eggi bereits ordentlich vorgelegt hatte. Alles war vorbereitet, die Drums standen, und die Jungs von MASSAFACTION rückten ebenfalls früh mit der Backline an. Solche Menschen sind Gold wert, gerade wenn im eigenen Kopf bereits sieben Bands, mehrere Einkaufslisten und sämtliche denkbaren Eventualitäten gleichzeitig durcheinanderreden. Jungs, nochmals ein riesiges Dankeschön dafür! Eggi sollte im weiteren Verlauf des Abends zudem einen derart hervorragenden Sound zaubern, dass ich ihn am liebsten gleich für sämtliche kommenden Ausgaben verpflichtet hätte.

Danach nahm der Aufbau Fahrt auf. Auspacken, schleppen, aufstellen, unseren Fotografen Dö begrüßen, Catering aufbauen, Backstage herrichten, Merch vorbereiten und zwischendurch immer wieder irgendwo gebraucht werden. Kaum hatte man eine Sache erledigt, winkte die nächste bereits freundlich mit beiden Armen. Fünf Stunden Vorbereitung vor Ort klingen im Vorfeld nach einem komfortablen Zeitpolster. In der Praxis schaut man gefühlt zweimal auf die Uhr, stellt kurz etwas ab – und plötzlich stehen die ersten Zuschauer vor der Tür. Was ich wo abgestellt hatte, beschäftigte mich übrigens noch häufiger.

Währenddessen trudelten nach und nach die Bands ein und wurden mit Pässen versorgt. Auch Jano und Lotti trafen ein, die sich am Abend um den Backstage kümmern sollten. Es tat ausgesprochen gut, die beiden vor Ort zu wissen und diesen Bereich in verlässliche Hände geben zu können.

Für zusätzliche Beschäftigung sorgte die Hotelreservierung. Im Vorjahr hatte eine Reservierungsnummer gereicht, damit die Bands ihre Zimmer beziehen konnten. Dieses Mal besaß jedes Zimmer einen eigenen Zugangscode, bei den Bands war allerdings jeweils nur einer angekommen. Die Folgen dieser kleinen organisatorischen Unschärfe bekamen insbesondere die Jungs von SOUL GRINDER zu spüren, bei denen permanent fremde Menschen im Zimmer standen. Man möchte sich nach der Anreise kurz aufs Bett setzen und findet sich plötzlich als Gastgeber eines unfreiwilligen Kennenlerntreffens wieder. Auch das ließ sich zum Glück klären, sodass die Zimmer anschließend wieder ihrer vorgesehenen Bestimmung dienen konnten.

Phillip erschien ebenfalls pünktlich und verwandelte sich erneut in den härtesten Türsteher Berlins. Sven Marquardt hätte sich an diesem Tag gerne hinten anstellen dürfen. Während im Hotel die Zugangskontrolle vorübergehend etwas großzügig ausgelegt worden war, hatten wir an unserer Tür also alles im Griff.

Ich selbst suchte in dieser Zeit ungefähr fünfzehnmal mein geöffnetes Bier. Sieben Bands unter einen Hut bekommen, die Versorgung organisieren, Hotelprobleme klären, einen ganzen Konzertabend vorbereiten: alles machbar. Sich den Standort einer einzelnen Flasche merken, überstieg dagegen offenbar meine geistigen Kapazitäten. Immerhin lernte ich bei den Suchaktionen den Veranstaltungsort noch einmal ausgesprochen gründlich kennen.

15:00 BIS 16:00 UHR

DER EINLASS

Inzwischen strömte das Publikum bereits zahlreich in den Laden, und an der Bar wurde früh deutlich, dass unsere Bierauswahl auf ausgesprochen breite Zustimmung stieß. Auch die restlichen Tickets wurden zusehends weniger. Ich begann vorsichtig darauf zu hoffen, dass ich mir über die Abendkasse bald keine Gedanken mehr machen müsste. An den Merchständen sämtlicher Bands wurde ebenfalls kräftig zugeschlagen. Sehr vernünftig: Wer sieben Bands an einem Abend erlebt, darf den heimischen Kleiderschrank durchaus an den Kosten beteiligen.

Überall wurden Hände geschüttelt, Freunde begrüßt und gemeinsame Biere getrunken. Ich beteiligte mich gerne daran, sobald ich den Aufenthaltsort meines eigenen wieder ermittelt hatte. Mit jedem bekannten Gesicht und jedem gut gelaunten Neuankömmling stieg meine Vorfreude. Ihr hattet offensichtlich mächtig Bock auf diesen Abend, und das war ansteckend. Zwischen all dem Organisieren erwischte ich mich immer häufiger dabei, einfach kurz stehen zu bleiben und mich über den bereits prächtig gefüllten Laden zu freuen. Falls mich jemand suchte: Ich war der mit dem breiten Grinsen und dem gelegentlich ratlosen Blick auf sämtliche Abstellflächen.

16:00 BIS 17:00 UHR

MORSROT

MORSROT eröffneten den musikalischen Teil des Tages – und über meine Buddies aus Malta habe ich mich natürlich besonders gefreut. Die seit 2021 unter diesem Namen aktive Truppe hat sich von ihren Death-Metal-Anfängen inzwischen deutlich weiterentwickelt. Heute reicht ihr musikalischer Bewegungsradius in Richtung Alternative Metal, mit mehr Platz für Melodien und einer erfreulichen Missachtung sauber beschrifteter Genreschubladen. Nach ihrer Teilnahme am Wacken Metal Battle 2025 haben die Jungs mittlerweile auch in Berlin ihre Basis gefunden. Vom Mittelmeer an die Spree: Beim Wetter eindeutig eine Fehlentscheidung, musikalisch bieten sich hier immerhin ein paar Möglichkeiten.

Ihre Mischung kam im Orwohaus jedenfalls ordentlich an und sorgte für einen geschmeidigen Einstieg. MORSROT brachten Abwechslung ins Programm, ohne einem dafür erst eine musikwissenschaftliche Bedienungsanleitung in die Hand drücken zu müssen. Mir gefiel dieser offene Ansatz, und auch vor der Bühne schien man mit dem maltesischen Beitrag durchaus etwas anfangen zu können.

Leider war nach gerade einmal 28 Minuten bereits Schluss. Da hätte ich den Herren gerne noch etwas länger zugehört; die Kürze des Auftritts blieb für mich der deutlichste Wermutstropfen. Unterm Strich ein sympathischer Auftakt mit eigener musikalischer Handschrift, der Lust auf eine ausführlichere Begegnung machte. Jungs, beim nächsten Besuch dürft ihr ruhig länger bleiben – ich hatte schließlich 120 Brötchen gekauft.

Auch im Backstage wurde inzwischen ordentlich zugelangt. Sabrinas veganes Chili fand reißenden Absatz, was mich als Lebensabschnittsgefährten natürlich freute und als Veranstalter ausgesprochen beruhigte. Zufriedene Musiker mit warmem Essen im Bauch sind schließlich eine hervorragende Grundlage für einen langen Konzertabend. Meine Frau hätte sich für ihren Beitrag durchaus einen eigenen Platz auf dem Festivalshirt verdient.

Die morgens noch unbekleideten Brötchen hatten unterdessen Sören und Lukas in die Finger bekommen. Fachgerecht belegt und damit ihrem eigentlichen Lebenszweck zugeführt, gingen die ebenfalls bestens weg. Schön, wenn ein Einkauf, der an der SB-Kasse zunächst als potenzieller Kriminalfall behandelt wird, am Ende so viel Gutes bewirkt. Auch die Idee, unseren hungrigen Besuchern heiße Würstchen anzubieten, entwickelte sich im Laufe des Abends zum durchschlagenden Erfolg. Zwischen all der Musik durfte schließlich auch der Senf seinen kulturellen Beitrag leisten.

An der Bar herrschte ebenfalls erfreulich reger Betrieb; der Bierumsatz konnte sich bereits mehr als sehen lassen. Gleichzeitig wurde der verbliebene Ticketvorrat an der Kasse langsam übersichtlich. Essen kam an, Getränke liefen, der Laden füllte sich – ich begann vorsichtig daran zu glauben, dass wir uns bei der Planung tatsächlich weniger dämlich angestellt hatten, als ich zwischenzeitlich befürchtet hatte.

17:00 BIS 18:00 UHR

MASSAFACTION

MASSAFACTION um meinen alten Kumpel Steve ballerten wie die Hölle und bescherten mir einen dieser Momente, in denen ich meine Heimatstadt einfach umarmen möchte. Die Berliner hatten 2025 mit Downfall of Trinity ihr Debüt veröffentlicht; entstanden war die Truppe aus Steves Wunsch, kompromisslosen Death Metal alter Schule zu spielen. Im Orwohaus ließ sich nun eindrucksvoll besichtigen, wie viel Wucht aus dieser Idee geworden ist.

Vor der Bühne war es knackig voll, und die Jungs wurden gnadenlos abgefeiert. Völlig zu Recht! Hier gab es Todesblei mit mächtig Druck, sattem Groove und genau jener Riffgewalt, für die ich mir auch nach Jahrzehnten noch begeistert die Nackenmuskulatur ruiniere. Dazu dieser überragende Sound: druckvoll, klar und mit genügend Biss, damit die ganze Herrlichkeit auch entsprechend einschlug. Eggi hatte am Pult wirklich einen Sahnetag erwischt. Ich stand da mit einem Grinsen, das langsam genehmigungspflichtige Ausmaße annahm.

Frontmann Sascha beschränkte seinen Einsatz erfreulicherweise keineswegs aufs Mikrofon, sondern schlug auch bei unserem Merch zu. Das Ergebnis konnte man den restlichen Abend direkt am Mann bewundern. Geschmack bewies der Herr also auf mehreren Ebenen; als Veranstalter nimmt man solche modischen Solidaritätsbekundungen natürlich ausgesprochen wohlwollend zur Kenntnis.

Für mich war das Death Metal vom Allerfeinsten und ein Auftritt, bei dem Band, Publikum und Sound wunderbar zusammenpassten. Da organisiert man ein Festival, um anderen einen geilen Abend zu bereiten, und bekommt selbst so eine Vollbedienung verpasst. Ich hätte den Jungs anschließend am liebsten eine Dankeskarte geschrieben. Mit zitternden Händen ist die Schönschrift allerdings schwierig.

Mitten im Gig meldete Phillip dann die beiden schönsten Wörter, die man als Veranstalter an diesem Abend hören konnte: „Sold out!“ Ausverkauft. Unser Z.O.F.F. war tatsächlich ausverkauft! Während MASSAFACTION weiter den Laden zerlegten, musste ich diese Nachricht erst einmal verarbeiten. Ein Jahr Planung, Absprachen und gelegentliches innerliches Kreiseln – und jetzt waren sämtliche Tickets weg. Ihr hattet uns die Bude vollgemacht. Da wurde aus dem ohnehin schon ziemlich zufriedenen Grinsen endgültig eine mittelschwere Gesichtsentgleisung. Ich war stolz, erleichtert und euch allen verdammt dankbar. Darauf musste ich unbedingt einen trinken. Es folgte eine kurze, dem Anlass entsprechend feierliche Suche nach meinem Bier.



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