LAMB OF GOD – Into Oblivion (2026)
(10.128) Olaf (8,5/10) Thrash Metal
Label: Century Media
VÖ: 13.03.2026
Stil: Thrash/Groove Metal
Es gibt Bands, bei denen man ziemlich genau weiß, was passiert, wenn eine neue Platte erscheint. Nicht im Sinne von Vorhersehbarkeit, sondern im Sinne einer gewissen Verlässlichkeit. LAMB OF GOD gehören seit über zwei Jahrzehnten zu genau dieser Sorte. Seit den späten Neunzigern hat sich die Truppe aus Richmond, Virginia vom Geheimtipp der amerikanischen Groove- und Metalcore-Szene zu einer Institution entwickelt, die problemlos ganze Festivals in Bewegung versetzen kann. Der Weg von den frühen Tagen als Burn the Priest bis zum heutigen Status als moderner Metal-Veteran war dabei alles andere als geradlinig, aber eines blieb immer gleich: Diese Band hat ein Gespür dafür, Härte mit Groove zu kombinieren, ohne dass daraus stumpfer Krach wird.
Mit Into Oblivion erscheint nun das erste neue Studioalbum seit vier Jahren, und man merkt schnell, dass hier niemand versucht, den eigenen Legendenstatus in Watte zu verpacken. Stattdessen klingt die Platte erstaunlich hungrig, fast so, als hätten LAMB OF GOD beschlossen, noch einmal bewusst an die rohe Energie ihrer früheren Jahre anzuknüpfen. Produziert und gemischt wurde das Album erneut von Josh Wilbur, der die Band schon seit Jahren im Studio begleitet. Aufgenommen wurde an mehreren Orten, die eng mit der Geschichte der Gruppe verbunden sind – die Drums in Richmond, Gitarren und Bass im Heimstudio von Mark Morton und Randy Blythes Gesang im legendären Total Access Studio in Redondo Beach, einem Ort, an dem einst auch klassische Punkplatten entstanden.
Was mir an Into Oblivion sofort gefällt: Die Platte tut nicht so, als müsse sie irgendwem noch etwas beweisen, klingt aber keineswegs satt oder geschniegelt. Im Gegenteil. Das Ding hat die nervöse, hungrige Energie eines frühen bis mittleren Karrierehöhepunkts, fast so, als wäre das hier eher Album Nummer drei als das Werk einer Band, die längst Legendenstatus genießt. Der Pressetext spricht von Veteranenstatus, Wurzeln, Groove und Erweiterung des Sounds – und ausnahmsweise ist das keine PR-Lyrik aus dem Baukasten, sondern ziemlich treffend. LAMB OF GOD setzen hier wieder massiv auf ihr Kerngeschäft: Druck, Reibung, rhythmische Gewalt und diese Kunst, Brutalität so zu strukturieren, dass sie nicht in stumpfes Gekloppe kippt.
Vor allem Randy Blythe ist dabei völlig auf Krawall gebürstet. Er singt nicht, er bellt, keift, geifert, spuckt Gift und klingt über weite Strecken so, als hätte er die letzten gesellschaftlichen, politischen und menschlichen Abgründe nicht nur beobachtet, sondern mit bloßen Händen aus dem Abwasserkanal gezogen. Gerade in den Lyrics wird klar, dass Into Oblivion nun wirklich kein Wohlfühlalbum für Menschen ist, die zu ihrer Hintergrundmusik gern Lavendelkerzen anzünden. Schon im Titelstück heißt es „I am the bringer of the truth from which you run“, also sinngemäß die unangenehme Wahrheit, vor der man sich lieber wegduckt, während Parasocial Christ eine Welt aus leerem digitalen Geltungsdrang, Ablenkung und sozialer Verkrüppelung zeichnet. Das ist unerquicklich, bissig und leider erschreckend zeitgemäß.
Überhaupt liegt über dem Album ein giftiger Blick auf Selbstbetrug, Machtmissbrauch, ideologische Verrohung und die kollektive Lust, sich lieber in schön polierte Lügen zu flüchten. Wenn im Opener von „suppression/aggression“ die Rede ist oder St. Catherine’s Wheel Zeilen wie „Lie until nothing is real“ auffährt, dann ist das keine platte Parole, sondern der rote Faden dieses Albums: Realität wird verbogen, Autorität vergötzt, Lüge normalisiert, und am Ende gucken alle dumm, wenn das Haus brennt. Auch Devise/Destroy schlägt in diese Kerbe und zerlegt sprachliche Verrohung, Manipulation und selbstgebaute Gefängnisse mit einer Kälte, die durchaus hängenbleibt. LAMB OF GOD formulieren hier keine tröstlichen Lösungen, sondern sezieren die Krankheit. Genau deshalb wirkt das Album unangenehm wahr.
Musikalisch groovt und killt das Teil fast durchgehend. Diese Band beherrscht nach wie vor die hohe Kunst, Riffs wie Presslufthämmer in federnde, aggressive Rhythmusarbeit einzubetten. Viele Passagen schieben mit jener trockenen, mies gelaunten Selbstverständlichkeit nach vorn, die LAMB OF GOD einst so groß gemacht hat. Der Bass arbeitet oft herrlich unauffällig im Maschinenraum, die Gitarren fräsen sich kantig durchs Bild, und die Songs haben insgesamt ein fieses Zugmoment. Gleichzeitig ist das Album clever genug, nicht permanent mit derselben Faust ins gleiche Gesicht zu schlagen. Hier und da öffnen sich kurze atmosphärische Risse, mal mit fast apokalyptischer Gravitas, mal mit punkiger Gereiztheit, mal mit diesem leicht wahnsinnigen Americana-Unterton, den Stücke wie Blunt Force Blues mitbringen. Das sorgt dafür, dass das Album trotz seiner Wucht nicht eintönig wird.
Ein kleiner Haken bleibt für mich dennoch: Der Drumsound ist mir etwas zu klinisch geraten. Handwerklich gibt es da nichts zu meckern, die Performance ist präzise und druckvoll, aber gerade im Schlagzeug steckt ein Tick zu viel steriler Studioglanz. Ich hätte mir an manchen Stellen etwas mehr Dreck unter den Fingernägeln gewünscht, etwas mehr organisches Rumpeln, das den Stücken noch besser gestanden hätte. Und auch bei den Riffs gilt: Vieles sitzt, vieles schiebt, vieles ist schwer bewaffnet – aber ein paar mehr wirklich unumstößliche Sofort-Haken, diese Sorte Riff, die sich wie eine rostige Kralle im Hinterkopf festsetzt, hätten dem Album noch den finalen Tritt in die Magengrube verpassen können.
Trotzdem: Killer ist das Teil allemal. Vor allem Sepsis ist ein Monster. Der Song hat nicht nur textlich mit „You’re all in a cult / A fucking death cult“ die Feinfühligkeit eines Vorschlaghammers, sondern musikalisch genau jene brutale, fiebrige Bosheit, die ich von dieser Band hören will. Dazu dieser irre Basslauf – herrlich. Das Ding kriecht, beißt und zerfetzt. Auch The Killing Floor und Bully gehören zu den Momenten, in denen LAMB OF GOD ihre alte Stärke ausspielen: Wut nicht als diffuse Pose, sondern als präzise dosierte Waffe. Selbst das pathetisch-düstere A Thousand Years funktioniert, weil die Band Pathos nicht geschniegelt präsentiert, sondern mit Blut, Staub und Asche einreibt.
Was Into Oblivion so stark macht, ist am Ende seine Haltung. Das Album schaut nicht weg. Es will nicht gefallen, es will nicht beruhigen, es will nicht nett sein. Es zeigt auf Wunden, bohrt mit dem Finger hinein und fragt dann noch höhnisch, ob es weh tut. Genau deshalb fühlt sich diese Platte lebendig an. Nicht geschniegelt, nicht nostalgisch, nicht altersmilde. Sondern bissig, wach, schlecht gelaunt und erfreulich unversöhnlich. Dass dabei nicht jeder Song den Status eines sofortigen Band-Klassikers erreicht, kann ich der Truppe verzeihen. Denn wenn eine Band nach so vielen Jahren noch so klingt, als hätte sie gerade erst wieder gelernt, warum Härte überhaupt Spaß macht, dann ist das weit mehr wert als bloße Routine auf hohem Niveau.
Into Oblivion ist für mich kein makelloses, aber ein verdammt starkes Album. Eines, das groovt, killt und thematisch so unerquicklich ist, wie es sein muss. Der Drumsound ist etwas zu geschniegelt, ein paar Riffs hätten sich noch tiefer ins Hirn fräsen dürfen, doch die Intensität, die Bosheit und diese herrlich unfreundliche Grundstimmung reißen das locker wieder raus. LAMB OF GOD liefern hier kein bequemes Alterswerk, sondern ein Album, das dir die hässlichen Wahrheiten nicht in Watte packt, sondern mit Anlauf gegen die Stirn hämmert. Und genau so muss das manchmal sein.
Anspieltipps:
🔥Sepsis
💀The Killing Floor
🎸Into Oblivion
Bewertung: 8,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Into Oblivion
02. Parasocial Christ
03. Sepsis
04. The killing Floor
05. El Vacio
06. St.Catherines Wheel
07. Blunt Force Blues
08. Bully
09. A thousand Years
10. Devise Destroy

